Gedankliche Tiefen

#wireinander

Ich habe lange Zeit überlegt, ob ich dieser Hashtag-Aktion von der TKK überhaupt Beachtung schenken möchte. Es steckt ein unglaublich schöner Gedanke dahinter, aber für Menschen wie mich, die noch immer nicht alles hinter sich gelassen haben, ist es relativ schwer über diese Geschichten zu schreiben oder andere Geschichten zu lesen. Es belastet mich, dass viele dieser Geschichten ein Happy End haben, wo meine doch keins hat. Meine Geschichte sprengt wohl jeden Rahmen von Kommentar-Boxen auf Youtube & co. kg., also eben als Blogeintrag und weiterhin weitesgehend anonym. An meine Kindheit kann ich mich kaum erinnern, aber das woran ich mich erinner ist nicht gerade toll. Meine Eltern haben sich so gut wie jeden Abend lautstark gestritten und auch die geschlossene Wohnzimmertür konnte nicht verbergen, was dort ablief. Es flogen Aschenbecher, Tassen, Flaschen, Lampen, eben alles, was man nach einem Menschen werfen kann und was ihn verletzen könnte. Ich habe zu der Zeit regelmäßig bei meiner großen Schwester im Zimmer gestanden und entweder bei ihr geschlafen oder eines ihrer Beani-Babys bekommen, das mich beschützen sollte. Ich hatte jede Nacht Albträume von Monstern, die mich verfolgten und denen ich nur entkommen konnte, wenn ich ganz still stand und nicht atmete. Oder von Zombies, vor denen ich mich versteckt habe. Jeden Abend konnte ich nicht einschlafen, weil ich Angst hatte und Dinge gesehen habe, die eigentlich nicht da waren, wie z.B. Kobolde, die mich durch den Spalt meiner Zimmertür bösartig angrinsten. Und wie sagten meine Eltern immer so schön? "Das Chaos in deinem Kopf trägst du nach außen." Mein Zimmer war eine Müllhalde. Versteht mich nicht falsch, ich mochte es, wenn es aufgeräumt war, aber ich habs nie geschafft es halbwegs ordentlich zu halten. Und damit meine ich nicht, dass mal etwas auf dem Boden lag, nein. Es lag ALLES auf dem Boden. Ich hatte 3 Wege von der Tür aus. Einen zum Bett, einen zum Schreibtisch und einen zum Kleiderschrank, der Rest war unter einem Mischmasch aus Dreck, Zetteln, Spielzeug und Wäsche begraben. Ein Berg, der mir damals bis zu den Knien reichte. Später erfuhr ich, dass mein Vater während einer dieser Streits meine Mutter am Hals die Wand hoch geschoben und ihr ins Gesicht geschlagen hatte. Sie erlitt dabei einen Genickbruch und litt in den folgenden Jahren immer wieder unter Schwindelanfällen und heftigen Kopfschmerzen, dachte sich aber nichts dabei, bis der Bruch zufällig auf einem Röntgenbild entdeckt wurde. Mir wird immer noch schlecht, wenn ich daran denke, dass eine falsche Bewegung ausgereicht hätte, um meine Mutter unter die Erde zu befördern. Mir ging es damals schon beschissen. Ich war klug, war gut in der Schule, bekam sogar eine Empfehlung fürs Gymnasium, aber ich hatte nur eine Freundin auf die ich mich 100% verlassen konnte. Schon damals hatte ich das Gefühl nicht zu den "Coolen" zu gehören und trug die Gewalt mit in mein Umfeld. Ich forderte meine Freundin immer wieder zu Spaßkämpfen heraus. Die einzige Zuflucht damals war mein "Unsichtbarland". Ich hatte eine blühende Fantasie, stellte mir Tiere vor, die mich begleiteten, mit denen ich friedlich spielen konnte. So konnte ich stundenlang alleine in meiner Fantasiewelt sein, was allerdings ziemlich peinlich war, wenn man dabei erwischt wurde... Ich habe also schon immer einen Hang dazu der Realität zu entfliehen und was damals mein Unsichtbarland war ist heute das Internet für mich. Nachdem sich meine Eltern endlich getrennt hatten, zog ich zu meinem Vater. Ich war ein typisches Papakind und die darauf folgende Zeit war eine der positivsten, die ich hatte. Ich war Papas Prinzessin, bekam bald meinen ersten eigenen PC, etc. Aber ich war nicht einfach, war immer noch unordentlich, eckte überall bei meinen Freunden an, kam zu spät von der Schule nach Hause, etc. Schon bald lernte mein Vater neue Frauen kennen, vertiefte Kontakte, die er im Internet hatte. Auf der ersten Fahrt zu einer seiner Freundinnen starb mein Meerschweinchen Mäuschen. Wir mussten es zwangsweise auf einer Raststätte irgendwo bei Frankfurt begraben. Irgendwann lernte er eine Frau kennen zu der er ziehen wollte, also stand unser Umzug nach NRW an. Ich war gerade aufs Gymnasium gekommen und definitiv froh wieder aus der Klasse verschwinden zu können. Die "Freunde" aus der Grundschule hatten sich komplett von mir abgewandt, bereits am ersten Tag als wir mit dem Zug zur Schule fuhren, wurde klar, dass meine beste Freundin nun zu den "Coolen" gehörte und nichts mehr mit mir zu tun haben wollte. In der neuen Klasse fand ich zwar wieder ein paar Freunde, allerdings wurde ich sehr gerne und sehr oft aufgrund meiner dörflichen Herkunft gemobbt. Selbst einer der Lehrer konnte es sich nicht verkneifen, weswegen ich mich kurz vor meiner Abreise beim Direktor über ihn beschwert hatte. Ich weiß nicht mehr ob es irgendwas gebracht hat, die Zeit ist mit eine der Verschwommensten. Ich weiß nur noch, dass ich mich wohl auch dort mit einigen von den Jungs geprügelt habe, was nie jemanden aufgefallen ist. Nach dem Umzug nach NRW ging der Horror erst richtig los. Die erste Zeit war super, wir haben viel unternommen, uns die Gegend angeschaut und dergleichen. Je älter ich wurde, desto mehr wurde allerdings plötzlich von mir erwartet und ich hatte keine Ahnung wohin ich mein "Papas Prinzessin"-Verhalten plötzlich schieben sollte. Mein Vater wurde arbeitslos, musste Maßnahmen und dergleichen mitmachen. Ich hab damals nie wirklich verstanden was genau er machte. Mit ca. 13 war ich dann dran mit Kochen. Ich hatte oft beim Kochen zugesehen und konnte schon recht viel, ebenso hatte ich gelernt mit dem Geld zu wirtschaften und sparsam einzukaufen und zu kochen. Wir hatten einen riesigen Kochtopf und haben meistens 3 Tage lang Grünkohleintopf, Gulasch oder Hühnersuppe gegessen. Wir hatten irgendwann kein Auto mehr, also mussten wir zwangsweise 2km zu Fuß zum Lidl laufen, mit den Monaten konnte ich dann die Sechser 1,5 Liter Flaschen ohne einmal abzusetzen oder Pause zu machen bis nach Hause schleppen - mit kiloschwerem Rucksack auf dem Rücken. In der Schule lief es beschissen. Ich hatte wiedermal wenig Freunde, davon eine beste Freundin und kam langsam nicht mehr mit dem Stoff hinterher. Zwischen all dem Mist hatte man wohl vergessen mir beizubringen, dass ich regelmäßig Hausaufgaben machen musste und lernen sollte. Meine gesamte Jugend war von dem Gedanken überschattet, dass mich die anderen nicht mochten, dass ich zu uncool für sie war. Im Internet jedoch war ich willkommen mit meiner flippigen, aufgedrehten und witzigen Art, dort fühlte ich mich wohl. Ich wurde immer abhängiger vom PC, saß immer mehr vor dem Bildschirm und vernachlässigte mich selbst und meine Familie immer mehr. Zu der Zeit kam ich dann das erste Mal mit christlichen Jugendvereinen in Kontakt. Die Treffen haben Spaß gemacht, ich war sogar im Chor, hab einige tolle Freizeiten mitgemacht, aber wirklich gemocht oder beliebt habe ich mich nie gefühlt. Auf einer Schlittschuhtour habe ich dann meinen ersten Freund kennengelernt. Ich war frühreif, hatte schon im Internet meine ersten pornografischen Bilder gesehen und mich auch einige male selbst befriedigt, auch wenn ich damals noch nicht so recht wusste was das heißt. Es gab mir ein gutes Gefühl, also machte ich es. Mein Vater war absolut gegen meinen Freund, meinte er sei drogenabhängig und ein schlechter Einfluss, verbot mir sogar einige Male zu ihm zu fahren. Letzten Endes hatte er damit recht. Ich kam mit einer freikirchlichen Gemeinde in Kontakt und zog einige heftige Dramen mit meinem Freund ab, in denen es um Gott und Engel ging. Ich wollte genauso durchdrehen wie die Leute in der Kirche dort und tat es auch, bis mir alles zu unheimlich wurde und ich nicht mehr hin wollte. Nachdem ich mich dann zu meinem ersten Mal überreden ließ und herausfand, dass mein Freund mich von vorne bis hinten belogen hatte, brach ich den Kontakt völlig ab und strich das Thema aus meinem Kopf, wobei ich nicht die Rechnung mit dem Kerl gemacht hatte, der überall rumerzählte, dass wir Sex hatten. Ich habe es jedes Mal geleugnet, wenn mich wieder jemand drauf ansprach, was auch Jahre danach noch passiert war. Ich hab mich so dermaßen dafür geschämt, dass ich sogar vor meinem nächsten Freund noch felsenfest behauptet habe ich sei Jungfrau. Die richtig "harte" Scheiße fing dann aber erst mit 16 an. Mittlerweile war ich richtig mies in der Schule, ging kaum noch raus, hatte keine Lust mehr Freunde zu treffen oder zum Jugendverein zu gehen. Ich wollte mich einfach nur noch in "mein" Internet verziehen und am besten aufhören zu existieren. Mein Vater bezeichnete mich mittlerweile als Schlampe, sagte zu mir, dass ich jedem in den Arsch treten würde, der mich liebt und dass ich in einem Jahr entweder tot, schwanger oder drogensüchtig wäre. Er strafte mich mit Liebesentzug, mit Verboten und Regeln aller Art und ließ mich in seiner Gegenwart erfrieren. Je mehr er mir verbot, desto weniger regte ich mich darüber auf. Ich wurde richtiggehend gefühlskalt und baute mir meine Mauer. Zwischenzeitlich lernte ich meinen 2. Freund kennen, baute ziemlich viel Scheiße und fing aus Neugierde mit dem Rauchen an. Zu dem Zeitpunkt schrieb ich Tagebuch, das einzige Ventil, das ich noch hatte. Wenn ich mir heute die Zeilen durchlese, bekomme ich Gänsehaut und frage mich wie es sein kann, dass ich damals, wo jeder glücklich sein sollte, schon detaillierte Selbstmordgedanken hatte. Es folgten viele Dramen, ein Krisenaufenthalt in der Geschlossenen und der Umzug zu meinem damaligen Freund. Die Erziehungsbeistandschaft wandte sich irgendwann ebenfalls gegen mich und forderte, dass ich arbeiten gehen solle, wenn ich mehr Geld haben wollte. Meine Mutter zahlte den vollen Unterhalt für mich, während mein Vater mir nicht einmal das ganze Kindergeld gab, obwohl er keinerlei Kosten mehr für mich hatte. Zu der Zeit lernte ich, dass Pfandflaschen eine gute Investition für das Monatsende sind und dass man sich auch 3 Tage von viel Wasser und einer Salz-Pfeffer-Mischung, die man aus der Hand leckt, ernähren kann. Oder von gebratenem Brot, um etwas Abwechslung zu haben. Ich ging gar nicht mehr zur Schule, fraß mich am Anfang des Monats fett und hungerte dann bis zum Ende des Monats ohne abzunehmen. Ich weinte viel, stritt viel, schrie viel und konnte nicht schlafen, saß nur am PC. Dann kam der nächste Fluchtversuch aus dem Sog der Depressionen. Ich zog zu meiner Mutter und trotz anfänglichen Streits und Stress ging es mir halbwegs gut. Jedoch schmiss ich wieder die Schule, hatte wieder das Gefühl nirgendwo dazu zu gehören, nur dass ich dieses Mal seitens der Lehrer beschuldigt wurde mich absichtlich vor der Klasse zurückzuziehen. Wieder war die Computersucht ein Riesenthema. Ich war ein Jahr lang in Therapie, nur um festzustellen, dass selbst ein Psychotherapeut die Mauern in meinem Kopf nicht durchbrechen konnte. Einen Tag kam ich hin und fing an zu weinen, das erste Mal überhaupt vor diesem Menschen und er sagte: "Das starke Mädchen weint." Erst da ist mir klar geworden, dass ich nach außen hin eine Maske trug. Ich erzählte niemandem von meinen Problemen, galt einfach nur als schwierig und unnahbar, aber auch irgendwie stark. Ich half gerne anderen Menschen bei ihren Problemen, hörte ihnen zu, baute sie auf, aber mich schaffte keiner aufzubauen. Nachdem ich die Schule also nach der 11ten mit viel Trara seitens meiner Mutter geschmissen hatte, machte ich ein Praktikum auf einem Ponyhof. Zwischenzeitlich hatte ich mich von meinem 2. Freund getrennt, mit wahnsinnig viel Drama und Tränen und kurz vor meinem Praktikum hatte mir auch noch mein 3. Freund eröffnet, dass er eine Weiterbildung machen und keine Zeit mehr für mich haben würde. Ich erfuhr erst im Nachhinein, dass ich nur Teil eines Racheaktes an die Frauenwelt war, die ihm das Herz gebrochen hatte. Er war der erste Mann gewesen, den ich so sehr geliebt hatte, dass ich das Atmen vergas, wenn er mich ansah. Das Praktikum an sich war toll, die schönste und zugleich anstrengendste und mental stressigste Zeit meines Lebens. Ich versuchte mit den Missständen dort klarzukommen, Verbesserungen einzubringen, kümmerte mich bis spät in die Nacht um kranke Tiere und und und. Letzten Endes kassierte ich für meine Mühen einen Arschtritt vom neuen Team. Dort lernte ich meinen jetzigen Freund kennen, ganz kitschig und chaotisch. Und seitdem läuft es nur noch bergab. Wohnungslos, aber mit Arbeit, dann arbeitslos bei meiner Mutter. Maßnahmen, die todlangweilig waren, Freunde durch die ich das erste Mal mit Drogen in Kontakt kam, Rückenschmerzen, Fehlzeiten, Depressionen, Streits, das volle Programm. Und immer wieder die Computersucht. Der letzte Teil der Geschichte ist, dass der Alkoholikerfreund meiner Mutter immer wieder aggressiv wurde. Die beiden haben sich angeschrien, haben sich geprügelt und ich mittendrin. Weihnachtsmärkte sind ein absolutes Tabuthema für mich und sobald ich eine schwankende Person sehe mache ich mittlerweile kehrt und fühle mich selbst zu Hause noch verfolgt, warte auf die Schreie und das Poltern an der Tür, das Knallen eines Körpers auf den Boden oder das Klatschen eines Schädels auf nassem Asphalt. Ich habe automatisch Panik, wenn jemand laut wird, zucke bei lauten Geräuschen zusammen und bin in Hab-Acht-Stellung sobald die Haustür aufgeht. Nach immer mehr Fehlzeiten bei der Maßnahme und schlussendlicher Kündigung sind wir dann zu seiner Mutter gezogen und was hier abgeht habe ich ja bereits einige Male in diesem Blog erwähnt. Es ist purer Stress und neulich erst so eskaliert, dass die beiden sich gegenseitig Morddrohungen an den Kopf werfen. Tja, das ist meine Geschichte, schon recht kurz und wenig emotional gefasst. Ich bin ein körperliches und nervliches Wrack ohne Ausbildung und ohne Perspektive. Ich finde keine Arbeit, keine Wohnung und keinen Schlafrhythmus mehr. Immerhin habe ich mittlerweile wieder eine Krankenkassenkarte und kann mir bald wieder Tabletten verschreiben lassen, damit ich wenigstens vernünftig schlafe. Yay. Ich habe keine Ahnung wie ich jemals aus diesem Sog, diesem ewigen Flüchten rauskommen soll. Ich habe Träume, Wünsche und ganz furchtbar viel Sehnsucht nach einem kleinen Stück vom Glück. Mir würde es ja schon reichen, wenn ich einfach Leute hätte, mit denen ich mich regelmäßig treffen und Spaß haben könnte. Oder wenn ich einfach Arbeit und eine Wohnung hätte. Es sagen immer alle so schön "Wenn es dir scheiße geht, dann änder was!", aber wenn ich sie dann frage was ich in meinem spezifischen Fall machen soll, dann wissen sie auch nicht mehr weiter. Ich bewerbe mich, aber bisher hatte ich nur eine einzige Einladung zu einem Vorstellungsgespräch und das war für ein Praktikum, was ich abbrechen musste, weil ich es körperlich nicht mehr aushielt. Supergenial. Aber bevor ich hier wieder zusammenbreche und einen Heulkrampf kriege, breche ich lieber ab. Das Wesentliche kennt ihr jetzt. Ich weiß es gibt schlimmere Schicksale und vieles habe ich mir sicherlich selbst verbockt, aber für mich ist das Leben einfach nur die Hölle.

6.12.14 06:12

Letzte Einträge: Wut, unglaubliche Wut, Wunde Punkte..., Probleme anderer Leute..., Und mal wieder...

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